Eine achtsame Einladung in die Geschichte des alten Edertals

Edersee Atlantis Meditationspfad eröffnet

Waldeck. Der neu eröffnete „Edersee Atlantis Meditationspfad“ ist kein Wanderweg im klassischen Sinne. Viel mehr ist er eine Einladung, der Geschichte der zehn Orte des alten Edertals auf achtsame Weise zu begegnen. Der rund 10 Kilometer lange Hauptweg folgt in großen Teilen der Ederseerandstraße und schafft so ein vielfältiges Mosaik aus Erinnerung, Es geht dabei nicht nur um die drei komplett „versunkenen“ Dörfer, sondern auch um ehemalige Gehöfte, Friedhöfe und gewerbliche Betriebe wie die Stollmühle oder die Bericher Hütte. Genau diese Vielfalt spiegeln die zehn Stationen des Hauptwegs wider. Das Konzept ist dabei bewusst offen und flexibel gestaltet. Da der Pfad den begleitenden Fuß- und Radweg der Randstraße nutzt, lässt er sich nicht nur zu Fuß, sondern auch hervorragend mit dem Fahrrad erfahren. Wer möchte, kann die gesamte Strecke von Nieder-Werbe bis zum Besucherzentrum an der Sperrmauer an einem Stück zurücklegen. Da jede Station in sich abgeschlossen ist und ihre eigene Geschichte erzählt, kann man sich aber auch einzelne Stationen oder kürzere Etappen ganz nach Tages- und Gemütsform herauspicken. Es gibt keine vorgegebene Richtung. Wer sich auf das Erlebnis einlässt, begegnet im besten Fall nicht nur den Geschichten der Menschen von damals, sondern findet vielleicht auch einen neuen Zugang zu sich selbst.


Auf historischer Seite war es wichtig, wirklich alle relevanten Orte einzubinden, auch jene, die räumlich nicht ganz zum offiziellen Verlauf des Meditationspfads passen wollen. Für diese drei Orte hat man deshalb Zusatz-Stationen in der Nähe ihrer historischen Plätze geschaffen: an der Uferpromenade in Herzhausen, am Friedhof Alt-Asel und auf der Liegewiese Mellbach bei Bringhausen. Man begegnet dem jeweiligen Ort also doppelt, einmal im Kontext des Hauptwegs und einmal ganz spezifisch vor Ort, gewinnt aber jedes Mal eine neue Perspektive. Abgerundet wird das Erlebnis durch eine digitale Bonus-Station: Sie ist so konzipiert, dass sie nach dem Besuch der 13 physischen Stationen die gesammelten Eindrücke zusammenführt und die Erfahrung zum Abschluss bringt. Entstanden ist die Idee zum Meditationspfad aus dem Wunsch heraus, die Geschichte von Edersee Atlantis ganzjährig auf eine neue Art und Weise erlebbar zu machen, denn die meisten Überreste liegen einen großen Teil des Jahres unter Wasser oder sind kaum noch sichtbar. Die stellvertretende Vereinsvorsitzende Ancuta lanc, Ärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie, entwickelte deshalb den Ansatz einer emotionalen Annäherung. „Ich wollte keinen klassischen Erlebnisweg schaffen, sondern einen Raum, in dem man sich auf die Geschichte einlassen kann, in Ruhe und ohne Ablenkung“, sagt sie. „Dieser Pfad ist eine Einladung, innezuhalten und den Menschen von damals auf einer persönlichen Ebene zu begegnen, nicht über Fakten, sondern über Gefühle. Die 14 ausgewählten Emotionen und Themen sind zeitlos und verbinden die Erfahrungen von damals mit unserem heutigen Leben.“


An jeder Station erwartet die Besucher eine circa fünfminütige Audio-Meditation mit Transkript. Für Menschen, die sich eventuell mehr für den historischen Aspekt interessieren, gibt es außerdem immer auch eine kurze „Geschichte zum Anhören“. Ein echtes Schmankerl ist, dass viele Geräusche in den Aufnahmen wie Wellenrauschen, Kirchenglocken oder Vogelgezwitscher direkt am Edersee aufgenommen wurden. Es sind also keine generischen Soundeffekte, sondern echte Klangmomente von hier. Die Nutzung des Meditationspfads ist denkbar einfach: Handy raus, QR-Code scannen, zuhören. Kopfhörer sind empfohlen, aber kein Muss. Entstanden ist so ein niedrigschwelliges und barrierearmes Angebot, das sich perfekt für Fußgänger und Radfahrer, aber auch für Gruppenaktivitäten eignet. Dass man den Pfad ausgerechnet entlang der Ederseerandstraße realisiert hat, war eine bewusste Entscheidung und ist gleichzeitig vielleicht das stärkstes Statement. „Zum einen ist der Fuß- und Radweg in der Saison gut frequentiert, wird jedoch touristisch in weiten Teilen kaum bespielt“, erklärt Vorstandsmitglied Kristin Nebel. „Zum anderen geht es uns aber auch genau darum: im Lärm des Alltags einen Moment innezuhalten und wieder zu sich zu finden.“ Der Einwand, dies sei kein typischer Ort für einen Meditationspfad, ist deshalb richtig und gewollt. Es geht um eine bewusste Pause in unserem beschleunigten Leben.


Von Anfang an war klar, dass man ein solches Projekt nur mit Hilfe einer umfassenden Förderung stemmen können. Der Verein Edersee Atlantis e. V. hat deshalb sehr gefreut, dass das Projekt beim Region Kellerwald-Edersee e.V. auf so große Zustimmung stieß und man eine Anteilsförderung von knapp 16.000 Euro im Rahmen des Regionalbudgets erhielten. Nur so konnte man die
Idee auf diesem professionellen Level umsetzen. Möglich wurde dies auch vor allem durch das Engagement vieler Partner: Katharina Frede von der cognitio Kommunikation & Planung GmbH gestaltete das Design, Sound Engineer Albert Mihaiteanu sorgte für die Tontechnik und Yoga- & Natur-Therapeutin Jessica Schmitz sprach die Meditationen ein.


„Der Meditationspfad trägt dazu bei, die Geschichte der Menschen und ihrer Orte im Edertal vor dem Bau der Talsperre zu bewahren“, betont der 1. Vorsitzende Uwe Neuschäfer. Angesprochen sind damit Geschichtsinteressierte ebenso wie alle Menschen, die aktiv nach Entschleunigung suchen: Touristen, Einheimische, Wanderer, Radfahrer, aber auch der zufällige Passant, der über die Tafeln stolpert. Die Eröffnung wurde gemeinsam mit den Bürgermeistern der drei Anrainergemeinden gefeiert: Nicolas Havel aus Waldeck, Karsten Kalhöfer aus Vöhl und Frederik Westmeier aus dem Edertal. Unterstützt wird das Projekt von Regionalmanagerin Annegret Franz vom Fördergeber Region Kellerwald-Edersee e.V., Geschäftsführer Claus Günther von
der Edersee Marketing GmbH und Geschäftsführerin Kristin Gampfer vom Naturpark Kellerwald-Edersee. Das Anliegen war es, mit dem Meditationspfad Geschichte und mentale Gesundheit auf eine einzigartige Art zu verknüpfen und zugänglich zu machen.
Über den Verein
Der Edersee Atlantis e.V. ist ein ehrenamtlich geführter Verein, der sich dafür einsetzt, die Erinnerung an das alte Edertal zu bewahren und die baulichen Überreste zu erhalten. Der Verein
erforscht, dokumentiert und erzählt die Geschichte der versunkenen Dörfer – vor Ort, digital und bei Veranstaltungen. Der Verein macht die verborgene Vergangenheit wieder sichtbar und gibt den Menschen von damals eine Stimme.